
5 min Lesezeit • 12. März 2026
Viele Sharing-Anbieter optimieren ihre Flotten immer noch für einen „Standard-Nutzer“, den es in der Realität kaum gibt. Das Ergebnis? Unausgeschöpftes Potenzial und stillstehende Fahrzeuge. Im Interview erklärt Lina Mosshammer, Geschäftsführerin von POINT& und Speakerin auf dem MOQO Summit 2026, warum inklusives Carsharing weit mehr ist als nur Barrierefreiheit und wie Anbieter mit gezielten Anpassungen neue Zielgruppen erschließen und ihre Auslastung massiv steigern können.
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Lina Mosshammer ist Geschäftsführerin von POINT& und Initiatorin von Better Mobility, Europas führendem Innovationsprogramm und Community für zugängliche und inklusive Mobilität. Der Fokus liegt auf Lösungen, die Mobilität für unterschiedliche Zielgruppen von Familien bis hin zur alternden Gesellschaft praxistauglich und skalierbar machen. Als Mobilitätsexpertin verfügt sie über zehn Jahre Erfahrung im Mobilitätssektor auf nationaler und internationaler Ebene in Unternehmen wie der Austrian Institute of Technology, AustriaTech, VCÖ - Mobilität mit Zukunft und der Weltbank. Zusätzlich ist sie Lektorin an Hochschulen, stellvertretende Generalsekretärin der Österreichischen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft und Mitgründerin des Women in Mobility Netzwerks in Österreich.
Lina: Weil viele den Markt und die reinen Zahlen unterschätzen. Wenn wir uns Europa ansehen, hat eine von vier Personen eine Behinderung – oft auch unsichtbar, wie etwa Neurodivergenz. Eine von fünf Personen ist bereits über 65 Jahre alt, und eine von vier Personen hat Betreuungsaufgaben. Viele Anbieter betrachten diese Gruppen immer noch als „Nische“. Aber wenn man diese Zahlen addiert, sieht man schnell: Das ist nicht die Nische, das ist eine Mehrheit. Wer seine Flotte nur für den fitten, gut verdienenden Pendler zwischen 9 und 17 Uhr plant, ignoriert einen riesigen Kundenstamm.

Lina: Das sind vor allem zwei Gruppen. Zum einen Menschen mit Betreuungsaufgaben, also Familien, die nicht alleine unterwegs sind und spezielle Bedürfnisse haben. Zum anderen Menschen, die mit der starken Digitalisierung – all den Apps und komplexen Buchungsprozessen – nicht so leicht umgehen können. Das betrifft gar nicht zwingend nur ältere Menschen. Hier liegt extrem viel Potenzial, wenn wir Prozesse etwas niederschwelliger und einfacher gestalten.
Lina: Wichtig ist hier erstmal, genau hinzusehen: Bei der reinen Registrierung ist das Verhältnis oft noch recht ausgeglichen, aber bei der tatsächlichen Nutzung bricht der Anteil der Frauen stark ein. Das liegt vor allem an den komplexeren „Wegeketten“. Während der klassische Pendler einfach von zu Hause ins Büro fährt, verbinden Frauen oft mehrere Wege – einkaufen, das Kind in die Kita bringen, zur Arbeit fahren. Der „Mental Load“ ist hier ohnehin schon hoch. Wenn dann im Carsharing-Auto der Kindersitz fehlt, die Bluetooth-Verbindung streikt oder der Prozess unzuverlässig ist, weichen sie lieber auf Alternativen aus.

Lina: Der wichtigste Schritt ist: Kenne deine Nutzer:innen! In einer unserer Befragungen kam heraus, dass nur 17 % der Mobilitätsunternehmen ihre Nutzerdaten wirklich im Detail erheben und analysieren. Nur wenn ich weiß, wer mein Angebot nutzt – und vor allem, wer nicht –, weiß ich, wo ich priorisieren und Maßnahmen setzen muss.
Lina: Absolut. Es müssen nicht immer riesige Investitionen sein.
1. Fahrzeugausstattung: Tim Carsharing in Österreich bietet beispielsweise optional buchbare Kindersitze an. Dadurch haben sie bei der Nutzung ein extrem gutes 50/50-Verhältnis zwischen den Geschlechtern erreicht.
2. Intro-Workshops: Die Erstnutzung ist oft die größte Hürde. Einfache Info-Termine vor Ort, bei denen man das System in Ruhe und ohne Zeitdruck ausprobieren kann, bauen diese Hemmschwelle massiv ab. Voi hat das beim Scooter-Sharing sehr erfolgreich speziell für Frauen gemacht.
3. Die Perspektive beim Onboarding wechseln: Oft sind die Anleitungen in den Apps aus der Sicht von Entwicklern geschrieben. Man sollte sich zwingen, simple Step-by-Step-Guides aus der echten Nutzerperspektive zu formulieren.
Lina: Für Menschen im Autismus-Spektrum ist der öffentliche Nahverkehr oft ein massiver Stressfaktor, weshalb das Carsharing-Auto als privater „Safe Space“ hochattraktiv ist. Allerdings brauchen diese Nutzer:innen feste Routinen. Stationsbasiertes Carsharing ist hier oft besser als Free-Floating, da sie sich darauf verlassen können, dass das Auto an einem bestimmten Ort steht. Wichtig ist zudem, dass das System im Fehlerfall nicht überflutend wirkt – die Lösungswege bei Problemen müssen extrem einfach und vorhersehbar sein.

Lina: Das Assessment ist eine systematische Evaluierung des Angebots. Wir schauen uns das Unternehmen und die Daten an und erstellen ein Scoring. Danach gehen wir die gesamte „User Journey“ durch – von der Information über die Buchung bis hin zur Fahrt. Das kann in Workshops mit dem Team passieren, oder wir binden gezielt Vertreter:innen der Zielgruppen, wie z.B. Familien, direkt ein. Ziel ist es, ganz konkrete Stellschrauben und einen Action-Plan zu definieren.
Lina: Ein Weg ist, unserer Better Mobility Community auf LinkedIn zu folgen. Wir haben dort ein Netzwerk aus über 800 Lösungsanbietern und verknüpfen Städte, Unternehmen und Startups. Wer direkt über ein Assessment sprechen möchte, kann mich einfach über LinkedIn kontaktieren oder direkt einen unverbindlichen Termin in meinem Kalender buchen.
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Treffen Sie Lina Mosshammer und viele weitere Expert:innen im Mai persönlich auf dem MOQO Summit 2026 in Aachen. Lernen Sie in Linas Keynote „Die inklusive Wachstumsstrategie - Warum Inklusion der größte Hebel für Ihre Flottenauslastung ist“, wie Sie diese Potenziale direkt umsetzen können.