Teilen statt besitzen, Carsharing, Bikesharing und Scootersharing

Mobilität in der Praxis

Teilen, das neue Besitzen

„Mein Haus, mein Auto, mein Boot” Wer kennt ihn nicht, den berühmten Werbeslogan aus den 90er-Jahren. Zwei alte Schulfreunde treffen sich nach Jahren wieder und vergleichen nun, wer es wirklich zu etwas gebracht hat. Die einfache Formel: Mehr Besitz gleich mehr Erfolg. Im Jahr 2021 hat sich daran so einiges geändert. Die Menschen aus der vielzitierten Generation Y legen weniger Wert auf Besitz als auf Erlebnis. Viel Arbeit, wenig Freizeit – keine Lust. Dickes Auto mit hohen Fixkosten – kein Bedarf. Ein Haus im Grünen? Lieber immer etwas Neues dank Airbnb.

23. November 2021 | Lesezeit: 6 Minuten

Dinge zu besitzen, gilt heute nicht mehr als das Nonplusultra. Denn Besitz verpflichtet auch: Wer ein großes Haus hat, braucht Zeit und Geld zum Putzen und Instandhalten. Wer ein Auto besitzt, muss sich um Inspektionen, Reifenwechsel und Reparaturen kümmern. Und die nervige Parkplatzsuche. Beim Sharing ist man von all diesen Pflichten befreit. Während der Slogan „Sharing is caring” noch darauf abzielt, Eigenes zum Wohle der Anderen zu teilen, hat sich heute in vielen Lebensbereichen eine Shared Economy entwickelt. Teilen nicht aus karitativen Gründen, sondern Teilen um Geld zu verdienen. Airbnb ist ein gutes Beispiel für das Teilen der eigenen vier Wände – die Plattform ist nur der Vermittler.

Beim Carsharing, zu deutsch „Auto-Teilen”, gibt es mehrere Modelle. Plattformen, die Autobesitzer:innen mit Sharing-Interessent:innen verbinden. Aber vor allem Anbieter, die eigene Flotten aufbauen und die Fahrzeuge pro Minute, Stunde, Tag und/oder Kilometer vermieten. Ein guter Deal für alle Seiten. Der Anbieter verdient über die Kurzzeitmiete mehr Geld, als er für das Auto inklusive Treibstoff und Wartung bezahlt. Die Nutzer:innen genießen individuelle Mobilität wie bisher nur Autobesitzer:innen, bezahlen dafür aber nur einen Bruchteil. Es ist erwiesen, dass Autos mehr als 90 Prozent der Zeit nur in der Gegend herumstehen. Heißt im Umkehrschluss, Autobesitzer:innen zahlen für etwas, das sie nur zu weniger als 10 Prozent nutzen. Eigentlich skurril.


Viele Fahrzeuge besitzen statt nur einem

Teilen ist das neue Besitzen. Immer mehr Menschen verzichten auf ein eigenes Auto, nicht aber auf die Vorzüge individueller Mobilität.


Mit Carsharing raus ins Grüne

Frankfurt, Stadtteil Nordend-Ost im Spätsommer. Es ist Samstagmorgen. Peter Andreasen hat über sein Smartphone ein E-Auto beim Sharing-Anbieter mobileeee gebucht. Er plant einen kleinen Familienausflug ins Grüne. Dafür benötigt der passionierte Radfahrer ausnahmsweise ein Auto - und die S-Bahn. Denn die Fahrzeuge von mobileeee stehen am House of Logistics & Mobility nahe des Flughafens. Peter Andreasen nimmt den Umweg gern in Kauf, dafür spart er sich ein eigenes Auto in der Stadt. In Zentrum der Mainmetropole sind Parkplätze so knapp, dass manche Autobesitzer:innen schonmal auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, nur um den Parkplatz in der Nähe der Wohnung nicht zu verlieren. Ziemlich unlogisch. Viel smarter sind die Frankfurter:innen, die sich die lästige Parkplatzsuche sparen, aber dennoch nicht auf individuelle Mobilität verzichten müssen. In Frankfurt und anderen großen Städten haben auch große Autohersteller Carsharing als Geschäftsfeld erkannt. Manche Anbieter haben feste Stationen, andere betreiben Free Floating-Carsharing, stehen also auf öffentlichen Parkplätzen und können innerhalb des Geschäftsgebietes wieder abgegeben werden.

Mobileeee setzt auf eine feste Station. Dort werden die E-Autos direkt nach der Fahrt wieder an eine Ladesäule angeschlossen. Eines der E-Autos hat an diesem Samstagmorgen Peter Andreasen reserviert. Er checkt kurz, ob es größere Kratzer oder Dellen hat, öffnet den Wagen via App und steigt ein. Der Ausflug kann beginnen. Am Ende des Tages wird er einen niedrigen zweistelligen Betrag dafür bezahlen. Ein guter Deal für ihn – für den Anbieter aber auch. Man muss nur vergleichen, was ein Auto im monatlichen Leasing kostet und dann hochrechnen, wie viel der Anbieter im Vergleich pro Tag damit einnimmt. Mit Sicherheit ein Vielfaches, dazu kommen natürlich die Kosten für Personal, Wartung, Marketing usw. Das Geld wird automatisch von Peter Andreasens Kreditkarte abgebucht.

Leben auf dem Land ohne eigenes Auto

Ortswechsel. Auf dem flachen Land im hohen Norden herrschen andere Bedingungen als in Frankfurt. Viele Menschen haben ein eigenes Auto, der Verkehr läuft flüssig, die Parkplatzsuche ist kein Problem. Und dennoch wollen auch immer mehr Menschen auf das eigene Auto verzichten. Es kostet viel, steht die meiste Zeit nur rum, verliert permanent an Wert und gut für die Umwelt ist es ohnehin nicht. Wer das Auto nicht für das tägliche Pendeln braucht, kommt auch auf dem Land ins Grübeln. Vor allem, wenn Carsharing-Angebote individuelle Mobilität trotzdem möglich machen.

Auch Inka Bestermann hat gegrübelt. Sie ist in hier an der Grenze zu Dänemark aufgewachsen. Das eigene Auto gehörte einfach dazu und wurde nie hinterfragt. Jetzt arbeitet sie nur 20 Minuten mit dem Fahrrad von ihrer Wohnung entfernt. Bei den Radtouren morgens und abends kann sie in Ruhe nachdenken und Kraft sammeln. Nur manchmal, wenn sie Freunde außerhalb ihres Dörfchens Medelby besuchen will, braucht sie doch einen fahrbaren Untersatz. Daher ist sie beim E-Car Sharing-Projekt „Dörpsmobil“ angemeldet. Dafür musste sie lediglich mit dem Anbieter, einem eingetragenen Verein, einen Rahmenvertrag abschließen und sich in der MOQO-App registrieren. Steht ein Ausflug an, reserviert Inka Bestermann frühzeitig den Renault Zoe - schon kann es losgehen. Die Konditionen sind günstig. Wie viel sie genau für eine Fahrt bezahlt, hängt von den zurückgelegten Kilometern und der Dauer ab.

Shared Mobility auf Wachstumskurs

Das Carsharing an festen Stationen stammt aus der Zeit, als es noch keine Smartphones mit GPS gab und man die Autoschlüssel mit einer Zugangskarte und Pin aus einer Art Safe holen musste. Heute lassen sich die Autos in der Regel via Smartphone-App öffnen und schließen. Anbieter müssen also nicht zwingend private Parkflächen mieten und Stationen aufbauen. Es hat aber den Vorteil, dass die Autos an einem zentralen Ort sind und sich einfacher warten und reinigen lassen.

Derzeit gibt es deutschlandweit in 855 Städten ein Carsharing-Angebot, das sich über eine Flotte von 26.000 Fahrzeugen erstreckt. Die überwiegende Zahl der Fahrzeuge wartet an den 6.200 festen Stationen. Seit Anfang Januar 2021 verzeichnen die insgesamt 228 Anbieter in Deutschland rund 2,9 Millionen Kund:innen, was 25,5 % mehr gemeldete Fahrberechtigte sind als im Vorjahr. Auch die Anzahl der Carsharing-Fahrzeuge ist im Vergleich zum Vorjahr gewachsen, wenn auch moderat. Der Bundesverband Carsharing (bcs) gibt als Ziel vor, dass in Stadtzentren und zentrumsnahen Gebieten alle 400 Meter eine Carsharing-Station positioniert sein soll. Laut Verband ersetzt ein Carsharing-Fahrzeug 20 Autos.

Rausfahren mit Carsharing

Bereits heute nutzen mehrere Millionen Haushalte in Deutschland ihren privaten Pkw so selten, dass Autoteilen für sie günstiger sei, als ein neues Auto anzuschaffen, sagt Verbandsgeschäftsführer Gunnar Nehrke. Diese Zahl werde durch notwendige Klimaschutzmaßnahmen weiter steigen. Laut Mobilitätsuntersuchung „Mobilität in Deutschland” parkt ein Fahrzeug heute 95 Prozent der Zeit, in Stunden ausgedrückt steht ein Privatfahrzeug 23 Stunden am Tag ungenutzt herum. Das ist gleich in zwei Richtungen ineffizient: Für die Autobesitzer:innen, die für etwas zahlen, dass sie nur selten benutzen. Und für die Städte und Gemeinden, deren Parkplätze 23 Stunden täglich von nur einem Auto besetzt sind.

Carsharing nutzen - und sparen

„Carsharing nutzen“ – unter dieser Überschrift wirbt daher auch das Umweltbundesamt (UBA) auf seiner Website für das Teilen von Autos. Das nutze der Umwelt, und Verbraucher:innen könnten damit bares Geld sparen. „Wer weniger als 10.000 Kilometer pro Jahr fährt, für den lohnt sich Carsharing finanziell“, heißt es beim UBA. Doch trotz des Aufwärtstrends ist Carsharing noch immer eine Mobilitätslösung, die sich in einer kleinen Nische abspielt – den weniger als 3 Millionen Autos zum Teilen stand Anfang des Jahres ein Gesamtbestand von 47,7 Millionen Pkw gegenüber. Das muss aber nicht so bleiben, daran arbeitet MOQO. „Unser Ziel ist es, Mobilität so einfach konsumierbar zu machen wie Spotify oder Netflix“, sagt Mitgründer Michael Minis.


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